Die klassische Gitarre gehört zu den anspruchsvollsten Instrumenten im Hinblick auf die posturale Belastung. Im Gegensatz zur symmetrischen Haltung vieler Blasinstrumente oder Tasteninstrumente basiert die traditionelle Sitzposition des Gitarristen auf einer ausgeprägten, zeitlich fixierten Asymmetrie. Die Verwendung einer Fußbank für den linken Fuß, die seit den Zeiten von Francisco Tárrega und Andrés Segovia in der Spielpraxis fest verankert ist, wird heute von Arbeitsmedizinern als primärer Auslöser für chronische Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates angesehen.
Laut einer umfassenden systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse, deren Ergebnisse auf dem medizinischen Fachportal medRxiv und in den PROSPERO-Protokollen veröffentlicht wurden, liegt die Lebenszeitprävalenz von spielbedingten Muskel-Skelett-Erkrankungen (PRMD — Playing-Related Musculoskeletal Disorders) bei Gitarristen zwischen 39% und 87%.
Studien der Universität Lund (Schweden), welche die klinischen Daten der letzten drei Jahrzehnte zusammenfassen, zeigen, dass Gitarristen neben Bratschisten und Geigern zur absoluten Höchstrizikogruppe gehören. Die Hauptursache ist eine Kombination aus statischer Überlastung großer Muskelgruppen der Körperachse und hochintensiver, monotoner feinmotorischer Arbeit der Finger. Dabei senkt die asymmetrische Sitzhaltung die allgemeine Ermüdungsschwelle erheblich, was die Manifestation von Pathologien beschleunigt.
Bei der klassischen Sitzhaltung wird das linke Bein mithilfe einer Fußbank um 10–20 cm angehoben. Diese Position löst eine Kaskade kompensatorischer Veränderungen im gesamten Skelett aus:
Das dauerhafte Verharren in einer asymmetrischen Position führt zur Ausbildung eines klar definierten Komplexes von Pathologien.

Die ungleichmäßige Kompression der Bandscheiben unter den Bedingungen einer skoliotischen Deformität führt zu einer beschleunigten Degeneration des Knorpelgewebes. Es entwickelt sich eine Osteochondrose, die rasch zu Bandscheibenprotrusionen und -vorfällen fortschreitet (am häufigsten in den Segmenten L4–L5 und L5–S1). Die Symptomatik umfasst chronische Lumbalgien, die sich bei längerem Sitzen verstärken.
Blockaden oder Mikrosubluxationen des linken Iliosakralgelenks entstehen durch die permanente Flexionsspannung der Hüfte. Dies verursacht einen tiefen, stumpfen Schmerz im Bereich des Kreuzbeins, der in die Leistengegend ausstrahlen oder eine Koxarthrose vortäuschen kann.
Ein Hypertonus des Piriformis-Muskels (m. piriformis) auf der Seite des angehobenen Beins führt zu einer Kompression des darunter verlaufenden Ischiasnervs. Die Patienten klagen über brennende Schmerzen an der Oberschenkelrückseite, Taubheitsgefühle im Fuß und in den Zehen sowie Parästhesien, was die Durchführung längerer Konzerte und Proben direkt einschränkt.
Es besteht eine direkte myofasziale kinetische Verbindung zwischen der Stabilität des Rumpfes und der Freiheit der distalen Extremitätenenden. Eine im Fachjournal PLOS ONE veröffentlichte Studie (Portnoy et al., 2022) bewies mittels optischen Trackings: Bei einer erzwungenen Neigung des Torsos nach vorne und rechts (typisch für die Haltung mit Fußbank) steigt die durchschnittliche Radial-Ulnar-Abweichung im linken Handgelenk und die Abduktion der rechten Schulter drastisch an. Dies erhöht den hydrostatischen Druck im Karpaltunnel, was zu einer Kompression des Nervus medianus (Karpaltunnelsyndrom) und zu Tendovaginitiden führt.
In der folgenden Tabelle sind die Ergebnisse der klinisch-ergonomischen Bewertung traditioneller und moderner Methoden zur Positionierung des Instruments dargestellt, basierend auf biomechanischen Tests und subjectiveen Schmerzindizes der Musiker.
| Unterstützungsmethode | Position von Becken und Wirbelsäule | Auswirkung auf den Schultergürtel | Ergonomisches Risiko (REBA/RULA-Skala) |
|---|---|---|---|
| Traditionelle Fußbank | Ausgeprägter Beckenschiefstand, Lateroflexion der Lendenwirbelsäule, Verdrehung. | Asymmetrie der Schultergelenke, erzwungenes Anheben der linken Schulter. | Hohes Risiko (sofortige ergonomische Anpassung erforderlich). |
| Ergonomische Gitarrenstütze (ErgoPlay, Gitano) | Absolut symmetrisch; beide Füße stehen flach auf dem Boden. | Schulterlinie parallel zum Boden, reduzierte statische Belastung des Trapezmuskels. | Geringes Risiko (optimal für langes Arbeiten). |
| Woodside-Gitarrenstütze (Schraubklemme) | Vollkommen symmetrisch. Die dreidimensionale Einstellbarkeit von Winkel und Versatz durch das Kugelkopfgelenk minimiert die Beckenrotation. | Eliminiert statische Spannungen im Nacken- und Schulterbereich. Die sichere Schraubfixierung verhindert ein reflexartiges Verkrampfen der Unterarmmuskulatur. | Geringes Risiko (empfohlen zur Reduzierung des Muskeltonus in Armen und Rücken). |
| GuitarLift (Gitarrenlifts) | Symmetrisch; starre Fixierung der Achse durch die Verteilung der Auflage auf die Oberschenkel. | Maximale Freiheit der Unterarme, stabiler Halswinkel ohne Nackenbelastung. | Geringes Risiko (empfohlen bei vertebrogenen Pathologien). |
| Ergonomisches Kissen (Dynarette) | Symmetrisch, jedoch leichte Vorneigung des Körpers bei unzureichender Höhe möglich. | Löst Muskelblockaden, bietet jedoch eine weniger starre Fixierung des Instruments. | Mäßiges/Geringes Risiko (für das Üben zu Hause geeignet). |
Zur Minimierung des Risikos einer berufsbedingten Invalidität bei klassischen Gitarristen empfiehlt die medizinische Fachwelt die Umsetzung folgender präventiver Maßnahmen: